Krippenausbau: Kein Licht am Horizont

Jan Haude, Landesvorsitzender der GRÜNEN Niedersachsen, zum Krippenausbau und zu einer möglichen Krippenpflicht

Ab 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für Kinder ab einem Jahr. Jede Familie, die für ihr Kind einen Betreuungsplatz haben möchte, soll dann auch einer zustehen. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, der Krippenausbau stockt. Selbst vom Ziel einer 35 %-Versorgung sind besonders die westlichen Bundesländer noch weit entfernt. Bei knapp über 19 % liegt die aktuelle Betreuungsquote in Niedersachsen.

Reichen 35 % überhaupt?

Dabei wird eine wesentliche Frage ausgeklammert: Bedeuten 35 % überhaupt eine Vollversorgung? Benötigen im Umkehrschluss 65 % keinen Betreuungsplatz? Die Realität sieht häufig anders aus. Sicherlich gibt es Familien, die ihr Kind bewusst in den ersten Jahren zu Hause betreuen wollen. Dass dies die große Mehrheit ist, dahinter ist ein sehr großes Fragezeichen zu setzen. Wahrscheinlicher ist, dass der Gesetzgeber mit 35 % die Quote bewusst niedrig angesetzt hat, wohl wissend, dass es schwierig ist, überhaupt dieses Ziel zu erreichen.

Selbst wenn flächendeckend bis 2013 überall diese Quote erfüllt ist, wird der Rechtsanspruch damit nicht zu schaffen sein. Nicht umsonst haben Kommunen wie Göttingen oder Hannover darauf reagiert und bewusst höhere Ausbauquoten als Zielmargen ausgegeben.

Herdprämie statt Ausbau der Bildungsinfrastruktur

Auf Drängen der CSU zieht die schwarz-gelbe Bundesregierung nun eine Herdprämie auf. Eltern sollen zukünftig finanziell dafür belohnt werden, wenn sie ihre Kinder zu Hause betreuen – während sie für einen Krippenplatz finanzielle Mehrbelastungen durch die Beiträge zu schultern haben. Gleichzeitig hat Schwarz-Gelb eine Steuerreform verabschiedet, die für das Land Niedersachsen für die Jahre 2013 und 2014 Mindereinnahmen von 200 Mio. Euro bedeuten. Nur zum Vergleich: Für den Krippenausbau bis 2013 hat das Land 462 Mio. Euro eingeplant, was ein bei weitem zu geringer Mittelansatz ist. Aber auch auf die kommunale Ebene wirkt sich die schwarz-gelbe Steuerpolitik aus, für eine Stadt wie Hannover bewirkt sie jährliche Einbußen von rund 3 Mio. Euro.

Dieses Geld fehlt für einen Ausbau der Bildungsinfrastruktur. Noch vor einigen Jahren überraschte eine Familienministerin namens von der Leyen mit modernen Tönen in der Familienpolitik, wie sie bislang selten aus der konservativen Ecke zu hören waren. Die Steuerreform und die Herdpärmie bedeuten nichts anderes als einen familienpolitischen Roll-Back in die christdemokratische Vormoderne.

Brauchen wir nicht eigentlich eine Debatte um eine Kitapflicht?

Der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze ist nicht nur eine finanzielle Frage, sondern eine zutiefst politische. Während es in einem Großteil der Familien längst nicht mehr der Realität entspricht, dass sich ein Elternteil – in aller Regel nach wie vor die Frau – für Jahre aus dem Berufsleben ausklinken kann und möchte, setzen die Konservativen in diesem Land weiter auf ein altes Familienbild.

Eigentlich muss die Debatte anders herum geführt werden. Wenn zukünftig rund die Hälfte der Kinder Migrationshintergrund hat und ein zunehmend größerer Teil der Gesellschaft finanziell und sozial abgehängt ist, kommt der Bildungsinfrastruktur bereits vor der Einschulung eine immer größere Rolle und Verantwortung zu. Denn Krippen und Kindergärten sind nicht nur Verwahrungsstätten für Kinder. Hier findet – und muss zukünftig in noch viel größerem Maße – Integration und Teilhabe statt. Hierzu gehört das Erlernen der deutschen Sprache, der Ausbau der sozialen Fähigkeiten und eine frühkindliche Bildung, wie sie nicht in allen Familien geleistet werden kann.

Dafür bedarf es nicht nur einen quantitativen Ausbau der Betreuungsplätze, sondern auch einen qualitativen. Krippen und Kindergärten müssen von den Räumlichkeiten und dem Personalschlüssel her so ausgestattet sein, dass eine gute Betreuung der Kinder gewährleistet ist und sie mitgenommen und gezielt gefördert werden können. Und es bedarf einer Überarbeitung des Ausbildungskonzeptes der Erzieherinnen und Erzieher, um den zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden. Darüber hinaus sind konkrete Maßnahmen notwendig, diesen Beruf attraktiver zu machen, um aktuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Bereich zu halten sowie weitere engagierte Kräfte zu gewinnen. Und eigentlich müssen wir nicht nur über den Rechtsanspruch von 35 % diskutieren, sondern über eine Krippenpflicht für alle Kinder, um Integration und Teilhabe so früh wie möglich umzusetzen – und zwar für alle und mit allen.

Diskussion und Kommentare

Ich freue mich über Rückmeldungen und Kommentare zu diesem Debattenbeitrag!

Ein Gedanke zu „Krippenausbau: Kein Licht am Horizont“

  1. Warum immer gleich die Pflichtkeule auftun? Die deutsche Sprache scheint so wichtig aber sie macht nicht das Menschsein aus. Wir sollten aufhören Familien zu diffamieren, nur weil sie nicht ins Karrierebild einer deutschen Leitfamilie passen!

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